Depression trifft Politik

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Offener Brief vom 12.12.2018

Sehr geehrte Leipziger Bundestagsabgeordnete,

als Betroffene haben wir uns sehr intensiv mit dem „Entwurf eines Gesetzes für schnellere Termine und bessere Versorgung (Terminservice- und Versorgungsgesetz – TSVG)“ - Drucksache 19/6337 befasst. Auch wenn wir die positive Absicht des Gesundheitsministeriums nachvollziehen können, die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz verkürzen zu wollen, so sehen wir, dass die jetzige Fassung an den Realitäten vorbeigeht. Betroffene brauchen nicht irgendeinen Therapeuten, sondern sie gehen ein ganz besonderes empathisches Verhältnis ein. Das Problem der Unterversorgung mit Therapeuten lässt sich nicht über ein Terminservicegesetz regeln. Weisen Sie als Leipziger Abgeordnete das Gesetz an das Fachministerium zurück und nehmen sie Einfluss, dass nicht Lobbyisten sondern Betroffene dazu gehört werden sollen. Schauen Sie unseren Beitrag: https://www.mdr.de/nachrichten/video-257622_zc-fd08c406_zs-950f04ff.html

Wir veröffentlichen auf den Unterseiten die Antworten der Abgeordneten.
 

Wir fragen:

Fünf Fragen an die Direktkandidaten zur Bundestagswahl 2017

In großen Teilen der Bevölkerung besteht die Auffassung, dass sich depressive Menschen nur „mehr zusammenreißen“ müssen. Wenn Sie diese Auffassung nicht teilen, was würden Sie als Abgeordente/Abgeordneter im 19. Deutschen  Bundestag dafür tun, diese Meinung zurückzudrängen?

Welche gesundheitspolitischen Schritte werden Sie für eine bessere Versorgung und Integration psychisch erkrankter Menschen tun?

Warum würden Sie oder würden Sie keine depressiven Menschen in Ihrem Abgeordnetenbüro beschäftigen?

Abgeordnete des Bundestages haben die Möglichkeit, Menschen Ihres Wahlkreises in den Bundestag einzuladen und mit Ihrer Arbeit vertraut zu machen. Können Sie sich vorstellen, dies mit einer Gruppe von Depressionsbetroffenen zu tun, um dadurch mit Betroffenen direkt ins Gespräch zu kommen?

Noch immer werden 80 Prozent aller Suizide vor dem Hintergrund einer depressiven Erkrankung durchgeführt. In Leipzig sterben auf diese Art und Weise jährlich rund 60 Menschen – mehr als 5-mal so viele wie durch Verkehrsunfälle. Wie kann Ihrer Meinung nach diese Zahl verringert werden?

Antworten und Kommentare auf den Unterseiten

Nicht geantwortet haben:

Volker Holzendorf (Bündnis 90/Die Grünen - Wahlkreis 152)
Marcus Viefeld (FDP - Wahlkreis 152)
Friedrich Vosberg (FDP - Wahlkreis 153)​
Christoph Neumann (AfD - Wahlkreis 152)
​Siegbert Droese (AfD - Wahlkreis 153)

 

Auch sieben Jahre nach dem Suizid von Robert Enke wird die Depression in der Stadt und Gesellschaft stigmatisiert. Als Betroffene wollen wir dazu mit Politikern ins Gespräch kommen.

Am 6.4.2016 kam die Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe (SPD) zum Gespräch in die Selbsthilfegruppe

Themen:

  • Welchen Stellenwert hat Selbsthilfe für die Gesellschaft.
  • Wie kann die Selbsthilfearbeit rechtlich besser gestellt werden.
  • Warum gibt es für Selbsthilfegruppen keine Möglichkeit als gemeinnützig anerkannt zu werden.
  • Warum werden Selbsthilfegruppen steuerlich benachteiligt, nur weil sie keine Gewinnabsichten haben.
  • Warum unterstützt der Staat, das Land, die Kommune nur dann, wenn ein aufwendiger Verein existiert.

Viele Fragen und ein Ziel: Wie kann den über 4 Millionen Depressionsbetroffenen in Deutschland geholfen und Suizide verhindert werden.

Wichtigstes Ergebnis war die Zusage das Thema mit der Sozialministerin aus Sachsen zu besprechen und auszuloten, welche Möglichkeiten sich auf Landesebene ergeben könnten. Auf bundespolitischer Ebene wird es nur wenig Möglichkeit geben. Ernüchternd aber zumindest ehrlich. Bleibt also die Frage offen, warum sind in einem Volk von 80 Millionen 4 Millionen Betroffene so wenig politische Zielgruppe?

 

Am 3.2.2016 informierte sich als erste Stadträtin von Leipzig Skadi Jennicke (Die Linke) über die Arbeit einer Selbsthilfegruppe Depression

in Leipzig. In der eineinhalbstündigen Diskussion wurden einerseits die sehr heterogenen Erscheinungsformen von Depressionen als auch die sehr breite Alterstruktur deutlich. Die Betroffenen zeigten auf, wie wichtig die Selbsthilfearbeit ist, weil das Gesundheitssystem in der kontinuierlichen Betreuung viele Lücken übrig lässt. Auch bedarf es der Selbsthilfearbeit stabiler Strukturen, für die die Stadt einen Anteil mit mehr Verständnis für die Art der Betroffenheit leisten kann. Die Veranstaltung hat ebenso einen Beitrag dafür geleistet, Nichtbetroffene und Betroffenen näher zusammenzubringen, damit das gemeinsame Leben von mehr Akzeptanz begleitet wird und die Stigmatisierung der Erkrankung zurückgedrängt werden kann.

Sowohl Stadträtin Skadi Jennicke, als auch die Betroffenen sind mit einem sehr guten Gefühl auseinander gegamgen. Vielleicht reagieren auch Stadträte, Land- und Bundestagsabgeordnete anderer Parteien auf konkrete EInladungen oder wenden sich direkt an uns. Wir als Betroffene würden uns freuen. Gern würden wir natürlich auch in den Fraktionen die Arbeit der Selbsthilfe vorstellen und unsere Wünsche an eine gesellschaftliche Unterstützung artikulieren. Depressionen haben bislang keine Lobby in der Gesellschaft, völlig zu Unrecht, denn immerhin hat Leipzig rund 25000 Betroffene und erlebt jährlich fünfmal soviele Suizide wie Verkehrstote.

Leipzig und die Depression, was sagen Politiker dazu