Was kann ich als Angehöriger tun

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Wenn Angehörige nicht wissen, wie sie reagieren sollten, dann empfehlen wir, nehmen auch Sie Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe oder Beratungsstelle auf, um dem Betroffenen bei der Suche behilflich zu sein.

Angehörige müssen vor allem wissen, dass eine Depression eine sehr ernste Sache ist. Auch wenn es von außen manchmal nicht leicht nachzuvollziehen ist: Der Betroffene simuliert nicht, sondern leidet wirklich – und das in einem hohen Maß. Auch eine depressive Verstimmung ist für den Betroffenen schlimm. Wann eine “echte” Depression vorliegt und wann eine depressive Verstimmung, vermag wohl ein ausgebildeter Therapeut oder Arzt zu sagen. Letztlich ist das für Sie aber auch unerheblich. Werten und urteilen Sie nicht, sondern akzeptieren Sie, dass der Betroffene leidet und geben Sie ihm oder ihr das Gefühl, da zu sein.

Viel ist es nicht, was Sie tun können. Wenn Sie selbst kein ausgebildeter Psychologe oder Therapeut sind, sind Ihre Möglichkeiten sehr begrenzt. Oft ist es fast entscheidender, was Sie alles nicht tun sollten, wenngleich es auch ein paar Dinge gibt, die Sie tatsächlich machen können.

Um zu verstehen, was man nicht tun sollte, müssen Sie versuchen, sich in die Situation des deprimierten Menschen hineinzuversetzen. Alles, was der Depressive negativ gegen sich auslegen kann, verstärkt die Depression. Das Schlimme ist, dass es im Wesen der Krankheit Depression liegt, dass der Betroffene so gut wie alles gegen sich selbst verwenden wird.

Hier finden Sie einige Verhaltensweisen, die Sie besser unterlassen sollten, wenn Sie einem deprimierten Menschen helfen wollen. Achten Sie einmal auf die Gedankengänge und versuchen Sie zu verstehen, was in dem Depressiven vorgeht.

Trivialisieren Sie die Depression oder depressive Stimmung nie

Versuchen Sie nicht, die Depression herunterzuspielen oder so zu tun, als wäre das alles nicht so schlimm. Ein depressiver Mensch leidet wirklich und wenn Sie sein Leiden herunterspielen, machen Sie die Situation für den Depressiven noch schlimmer. Ein harmloser Satz wie z.B. “Schau doch mal aus dem Fenster, wie schön die Sonne scheint” wirkt auf eine depressive Person furchtbar. Einerseits ist das Wetter vollkommen bedeutungslos für jemanden, der tief in einer Depression steckt. Und andererseits will er sich ja freuen können und weiß, dass es nicht angemessen ist, bei schönem Wetter deprimiert zu sein. So wird der Sonnenschein draußen als persönliches Scheitern erlebt und verstärkt noch die Depression.

Vergleichen Sie die Depression nicht mit Ihren eigenen Stimmungen

Sie sollten dem anderen auch nicht sagen, dass Sie selbst ebenfalls öfter deprimiert sind und dass Sie alles deshalb gut verstehen können. Erstens ist es wichtig, einen depressiven Menschen mit seinem Leid ernst zu nehmen und zweitens wäre die Tatsache, dass es auch Ihnen schon schlecht ging, keine Hilfe. Der andere fühlt sich dann eher noch schlechter oder bekommt das Gefühl, dass er mit seinem Leid gar keine Berechtigung hat, weil es anderen noch schlechter geht. Auch das wäre wieder ein weiterer Auslöser, sich noch deprimierter zu fühlen.

Sagen Sie nichts, was Schuldgefühle bereitet

Vermeiden Sie es auf jeden Fall, etwas zu sagen, was bei dem depressiven Menschen Schuldgefühle auslösen könnte. Weisen Sie ihn oder sie z.B. nicht daraufhin, wie gut er oder sie es doch hat oder dass es so viele Menschen gibt, die viel schlimmer dran sind. Auch der Hinweis, dass der Depressive andere Menschen belastet und ihnen Sorgen macht, ist überhaupt nicht hilfreich. Schuldgefühle sind in den meisten Fällen ein Hauptelement der Depression und ein Mehr an Schuldgefühlen verschärfen auch die Depression.

Versuchen Sie nicht, dem anderen durch Provokation zu helfen

Viele Menschen werden angesichts eines depressiven Menschen hilflos und reagieren oft aus dieser Hilflosigkeit heraus aggressiv. Sie versuchen den anderen dann vielleicht zu provozieren und so aus seinem seelischen Tief herauszubekommen. Tun Sie das nicht. Jemand, der deprimiert ist, kann mit Ihren Provokationen nicht umgehen. Sie werden ihn oder sie nur noch darin bestätigen, “nichts wert zu sein”.

Versuchen Sie nicht, den anderen aufzuheitern

Viele versuchen, einen deprimierten Menschen mit kleinen Witzen oder Späßen aufzuheitern. Das ist lieb gemeint, wird aber nicht funktionieren. Im Gegenteil – damit zeigen Sie dem anderen nur noch mehr, dass er nicht in der Lage ist, “normal” zu sein und über bestimmte Dinge zu lachen. Jeder Witz, über den der Depressive nicht lachen kann, ist ein weiterer Verstärker der depressiven Stimmung. Es ist für ihn oder sie wie ein Scheitern und wird als persönliche Unzulänglichkeit empfunden.

Glauben Sie nicht, die Therapeutenrolle übernehmen zu können

Auch wenn Sie vielleicht ein paar Artikel oder Bücher über Depressionen gelesen haben, sind Sie noch lange nicht dazu befähigt, dem anderen wirklich zu helfen. Helfen kann allenfalls ein Fachmann und selbst das erst dann, wenn die akute Phase der Depression abgeklungen ist. Unterlassen Sie deshalb auf jeden Fall gutgemeinte Versuche, die Ursachen zu finden und die Person zu analysieren, indem Sie in der Vergangenheit, Kindheit oder Ehe des Betroffenen herumbohren. Das steht Ihnen weder zu, noch können Sie das leisten, noch wird es helfen.

Spielen Sie nicht den Handwerker

Gerade wenn uns der deprimierte Mensch wichtig ist, möchten wir gerne helfen. Uns fallen dann hundert Dinge ein, die der andere doch tun könnte, damit es ihm besser geht. Das Problem ist ja aber gerade, dass der andere in seiner Depression eben nichts tun kann. Und durch gut gemeinte praktische Tipps fühlt er oder sie sich noch unzulänglicher. Auch der Vorschlag, z.B. eine einfache Entspannungstechnik anzuwenden, kann dieses Gefühl auslösen.

Vermeiden Sie “schlaue Sprüche”

Überhaupt nicht hilfreich sind kluge Sprüche, die vielen Menschen in solchen Situationen einfallen, wie z.B. “Ja, wir alle haben unser Kreuz zu tragen.” oder “Jeder ist für sich selbst verantwortlich – es liegt bei Dir selbst, Dich besser zu fühlen.” oder “Jeder hat mal einen schlechten Tag – das geht vorbei.” Mit solchen Sprüchen zeigen Sie nur, dass Sie nicht verstanden haben, dass eine Depression ein echtes Leiden ist, aus dem der oder die Betroffene in diesem Moment nicht herauskommt. Aktiv werden und etwas ändern kann ein Depressiver nur nach der akuten Depression.

Die Depression kann einen Menschen stark verändern. Familie und Freunde stehen vor einer schwierigen Situation. Sie wissen häufig nicht, wie sie mit der Erkrankung umgehen sollen und sind besorgt.

Oft reagieren Angehörige auch mit Wut auf den Betroffenen, da die Symptome für den Außenstehenden nicht nachvollziehbar sind. Dauert die Erkrankung länger an, sind die Angehörigen zunehmend überlastet und überfordert. Ganz wichtig ist es deswegen, eigene Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen, sich Freiräume zu schaffen oder den Kontakt zu anderen Angehörigen in Selbsthilfegruppen zu suchen.

Angebote für Angehörige kann man über die örtlichen Selbsthilfekontaktstellen finden. Auch über den Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) ist dies möglich:

Was Angehörige noch beachten sollten:

  • Akzeptieren Sie die Depression als Erkrankung. Freudlosigkeit und mangelndes Interesse entspringen nicht einer bösen Absicht des Betroffenen, sondern werden von ihm selbst als sehr quälend empfunden.
  • Versuchen Sie nicht, den Betroffenen von der Grundlosigkeit seiner Traurigkeit zu überzeugen und vermeiden Sie gut gemeinte Ratschläge, wie: "Das wird schon wieder, es ist doch alles gar nicht so schlimm". Ständige Aufmunterungsversuche, Ratschläge oder sogar Vorwürfe sind der falsche Weg im Umgang mit einem depressiven Menschen. Der Betroffene wird sich nicht verstanden fühlen und sich noch mehr abkapseln.
  • Versuchen Sie, geduldig zu bleiben, und wenden Sie sich nicht von dem Betroffenen ab, auch wenn er abweisend erscheint. Rufen Sie sich immer in Erinnerung, dass es sich um eine Erkrankung handelt, die in der Regel vorübergeht, und der Ihr Angehöriger ebenfalls machtlos gegenüber steht.
  • Motivieren Sie den Erkrankten mitfühlend und geduldig, einen Arzt aufzusuchen und die Behandlung konsequent wahrzunehmen. Helfen Sie ihm, sich über die Erkrankung zu informieren.
  • Überfordern Sie den Betroffenen nicht. Aufgrund der typischen Antriebsarmut ist er vor allem in der akuten Erkrankungsphase nicht in der Lage, selbst einfache Aktivitäten durchzuführen.
  • Nehmen Sie Äußerungen Ihres Angehörigen, nicht mehr leben zu wollen, ernst, und teilen Sie diese umgehend dem behandelnden Arzt mit.
  • Verhindern Sie, dass der Betroffene wichtige Entscheidungen während seiner Erkrankung trifft. Durch die Depression ist die Wahrnehmung der Realität verzerrt und es könnte zu Entscheidungen kommen, die nach der Erkrankung anders bewertet werden.​

Quelle: Techniker Krankenkasse

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